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Wie funktioniert die internationale Gewerkschaftsarbeit? - Dan Gallin (2002)



Globalisierung, Globalisierungskritik und die Arbeiterbewegung
Arbeit und Bildung Bern, 29. Januar 2002


Wie funktioniert die internationale Gewerkschaftsarbeit?
Vortrag von Dan Gallin, Global Labour Institute

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

Ich möchte mit einem kurzen historischen Rückblick anfangen, zum besseren Verständnis der Zusammenhänge.

Das Selbstverständnis der Arbeiterbewegung war von Anfang an international, auf Grund des Erkenntnisses, dass ein gemeinsames Interesse die Arbeiter in der ganzen Welt als Klasse vereint, das sich auf die Dauer als stärker erweist als die verschiedenartigen anderen Interessen die sie entzweien. Der stärkste und gefährlichste Gegner dieses Selbstverständnisses und dieser internationalen Identität ist immer der Nationalismus gewesen, mit den bekannten katastrophalen Folgen im ersten Weltkrieg und später.

Trotz dieser Risse, hat sich die internationale Arbeiterbewegung immer wieder neu formiert. Sie ist heute die grösste demokratisch konstituierte und von ihrer Migliedschaft getragene weltweite Sozialbewegung. Sie hat zwei Weltkriege und die Unterdrückung durch in der modernen Geschichte beispiellosen totalitären Ideologien und Staatengebilde überlebt und überwunden. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn der Grundgedanke falsch gewesen wäre.

Festzustellen ist noch, das die uns geläufige Arbeitsteilung (z. B. zwischen Gewerkschaften und Parteien) erst spät in ihrer Geschichte erscheint. Die Mitgliedschaft der Ersten Internationale umfasst alle Arbeiteroganisationen: Parteien, Gewerkschaften, Genossenschaften verschiedener Art, usw. Eigenständige internationale Gewerkschaftsorganisationen erscheinen erst am Ende des 19. Jahrhunderts (die Internationalen Berufssekretariate, im Januar dieses Jahres umbenannt als "Globale Gewerkschaftsbünde"). Eine Internationale der nationalen gewerkschaftlichen Zentralorganisationen formiert sich erst im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. wobei die Sozialistische Internationale gleichzeitig zu einer Organisation der Parteien wird.

Diese Arbeitsteilung setzt sich fort: bis zum 2. Weltkrieg, entsteht eine Vielfalt von internationalen Arbeiterorganisationen: für Jugend, Frauen, Sport, Freizeit, Bildung, Kultur, Presse, Wohlfahrt, usw. Alle diese Organisationen, zusammen mit den Internationalen der Parteien und der Gewerkschaften, sind die "internationale Arbeiterbewegung". Das Ziel ist das gesamte gesellschaftliche Leben abzudecken, also eine alternative Gesellschaft zur bestehenden bürgerlich dominierten Gesellschaft aufzubauen und sich in die Lage versetzen, diese Gesellschaftsordnung in einer unbestimmten Zukunft zu ersetzen.

Was geschieht nach dem 2. Weltkrieg? Die Bewegung bewegt sich immer langsamer und erstarrt schliesslich in bürokratischer Routine. Das Umfeld geht ein: die "Nebenorganisationen" verkümmern oder verschwinden ganz, während sich Gewerkschaften und Parteien auf ihr "Kerngeschäft" (Verhandlungen und Wahlen) zurückziehen. Kritisch dabei ist der immer geringere Stellenwert der Bildung, also ideologische Abrüstung, Entpolitisierung.

Die Gründe für diese Entwicklung sind nicht schwer festzustellen.

Verluste: Die Folgen des Weltkrieges, des Faschismus und des Stalinismus sind nicht zu unterschätzen. Mindestens zwei politische Generationen der besten Kader sind untergegangen: in den KZs und Gulags, im Krieg, im Exil. Die Überlebenden haben überlebt eben weil sie dritte oder vierte Garnitur waren. Die Bewegung geht aus dem Krieg auf der Seite der Sieger hervor, ist im Nachkriegseuropa einflussreich und anerkannt, aber in ihrer Substanz sehr geschwächt, also potentiell abhängig. (Ich rede von Westeuropa; in Osteuropa wird die Bewegung vernichtet).

Staatsgläubigkeit: Weil sie einflussreich und anerkannt ist, wird sie staatsgläubig. Warum noch eine alternative Gesellschaft anstreben und dafür kämpfen wenn uns im demokratischen Nachkriegseuropa sowieso starke Positionen in der bestehenden Gesellschaftsordnung zugesichert werden? Es entsteht eine selbstzufriedene und bornierte Funktionärsschicht die sich mit einem Stückchen Staat begnügt und die eigene historische Identität als eine peinliche Altlast empfindet.

Kalter Krieg: Der kalte Krieg bricht wenige Jahre nach Kriegsende aus. Die zwei Machtblöcke fordern Nibelungentreue: eine politisch unabhängige Arbeiterbewegung ist für beide eine Bedrohung. Die Spaltung der internationalen Arbeiterbewegung ist nicht durch den kalten Krieg entstanden: sie gibt es seit 1921, und das sozialistische und kommunistische Gesellschaftsprojekt ist unvereinbar. Was aber ein interner Kampf innerhalb der Arbeiterbewegung war, wird vom Kampf der Machtblöcke überdeckt: Kritik am Kapitalismus wird im politischen Westen schwierig, und eigenständiges kritisches Denken im politischen Osten unmöglich. Die Prioritäten verschieben sich: die meisten Sozialdemokraten und Kommunisten unterwerfen sich.

Wohlstand: In Westeuropa entsteht bald nach Kriegsende Wohlstand, auch ein relativer und merkbarer Wohlstand für die Arbeiterklasse. Das fördert einerseits die Illusion, dass wir einen bedeutenden Teil unserer Ziele erreicht haben. Andererseits entsteht ein breiteres Freizeitangebot, wo die Macht des Geldes entscheidet. Die Nebenorganisationen und die Arbeiterpresse haben es schwer. Die Arbeierbewegung wird zum Opfer ihres eigenen Erfolges. Der 1. Mai, an dem die Arbeiterklasse einmal im Jahr bekundet: "ich war, ich bin, ich werde sein" verkommt zur "Maifeier".

Das ist der historischer Hintergrund. Bevor wir in der Entwicklung weitergehen, möchte ich Euch jetzt zu einem Ausflug in die Institutionen einladen. Was sind die Institutionen der internationalen Arbeiterbewegung? Lassen wir die Sozialistische Internationale beiseite: sie ist ein Klub von Prominenz, sonst eine Fassade. Das Thema ist sowieso die Gewerkschaften.

Die heutige Gewerkschaftsinternationale, das heisst die internationale Organisation der nationalen Bünde, ist der Internationale Bund Freier Gewerkschaften (IBFG), mit 156 Millionen Mitgliedern in 148 Länder: bei weitem die grösste internationale Gewerkschaftsorganisation die es je gegeben hat. Das Sekretariat liegt in Brüssel. Der IBFG entsteht 1949 durch eine Spaltung des Weltgewerkschaftsbundes (WGB), der nach der Spaltung als eine kommunistisch-dominierte Organisation mit dem gleichen Namen weiterlebt und heute nur noch aus den Staatsgewerkschaften von Kuba, Vietnam, einiger mittelöstlichen Diktaturen und einiger kommunistischen Organisationen in Asien und Lateinamerika besteht. Die chinesischen Staatsgewerkschaften sind keiner Internationale angeschlossen, pflegen aber vielseitige bilaterale Kontakte.

Die Politik des IBFG wird massgeblich von fünf grossen Organisationen bestimmt: die nordischen Bünde (Dänemark, Finnland, Norwegen, Schweden) die gewöhnlich als ein Block auftreten, die AFL-CIO der Vereinigten Staaten, der TUC Grossbritanniens, der DGB, der japanische RENGO. IBFG Politik ist worüber sich die fünf (oder wenigstens jeweils vier unter ihnen) einig sind. Die "Kleinen" können Einfluss ausüben soweit sie sich mit einem der "Grossen", oder untereinander, verbünden. Am besten gelingt das den Niederländern (FNV), den Spaniern (UGT und CC.OO), den Italienern (meistens alle drei Bünde als Block), den Franzosen (CFDT und FO, selten auf der gleichen Linie), manchmal auch den Österreichern (ÖGB) oder den Belgiern (FGTB), ab und zu auch anderen. Gewerkschaftsbünde aus Entwicklungsländer kommen selten zum Zuge. Die brasilianische CUT, der südafrikanische COSATU und die koreanische KCTU sind ein kritischer linker Block, manchmal vom FNV, von der AFL-CIO oder vom Norden unterstützt.

Trotz seiner sozialdemokratischen Herkunft, vertritt der IBFG kein eigenes Gesellschaftsprojekt und keine Ideologie, es sei denn die der Sozialpartnerschaft. Der Antikommunismus diente ihm als Ersatzideologie bis zum Fall des sowjetischen Imperiums; es ist ihm bisher keine andere eingefallen. Er ist ein politisches Lobby am Hof der Mächtigen (IWF, Weltbank), stark in der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO). In diesen Gremien versucht er auf ihre Politik im Sinne der Gewerkschaftsbewegung Einfluss zu nehmen, seit mehreren Jahrzehnten, mit bescheidenem Erfolg, ausser in der IAO.

Zwei seiner Abteilungen (Menschenrechte und Frauen) leisten eine beachtlliche, sehr nützliche, auch öffentlichkeitswirksame, Arbeit.

Die zehn Internationalen Berufssekretariate (IBS - jetzt "Global Union Federations") sind die ältesten internationalen Gewerkschaftsorganisationen: die meisten reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück, haben aber viel untereinander fusioniert, besonders in den letzten Jahren. (Ursprünglich waren es 23). In ihnen sind nationale Gewerkschaften je nach Branche organisiert. Die IBS sind vom IBFG unabhängig, es gibt jedoch Zusammenarbeit in verschiedenen Gebieten die sich je nach IBS und von Fall zu Fall mehr oder weniger eng gestalten kann. Ihre Sekretariate liegen in Genf und Umgebung (5), Brüssel (4) und London (1).

Ihre Mitgliedschaft, politische Kultur, Durchsetzungsfähigkeit und Stellungnahmen sind sehr unterschiedlich weil sie aus der konkreten Situation ihrer Mitglieder erwachsen, einschliesslich aus ihrem wirtschaftlichen und sozialpolitischen Umfeld.

Im Gegensatz zum IBFG, ist der Schwerpunkt der IBS Tätigkeit nicht das Lobby. Die meisten IBS haben direkt mit den transnationalen Konzernen zu tun, oft in Konfliktsituationen, und die Koordinierung der internationalen Arbeit auf Konzernebene ist zunehmend zu einer ihrer prioritären Aufgaben geworden. Manche von ihnen haben internationale Verträge mit transnationalen Konzernen abgeschlossen: es gibt inzwischen 13 solche Verträge und es ist denkbar, dass sie zum Kern einer neuen internationalen Vertragspraxis werden.

Der Kampf für Gewerkschaftsrechte, und insgesamt für Menschenrechte und demokratische Rechte, wird von den IBS getragen, ebenso die Organisationsarbeit in Drittweltländern, in Ost- und Mitteleuropa und in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, diese vorwiegend aus öffentlichen Mitteln (staatliche Entwicklungshilfe) finanziert. Die Internationale des öffentlichen Dienster (IÖD) ist führend im Kampf gegen Privatisierung und Deregulierung.

In der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), das internationale Gremium der Industrieländer mit Sitz in Paris, gibt es ein gewerkschaftliches Organ, das "Trade Union Advisory Committee" (TUAC). Es ist hauptsächlich ein Lobby unternimmt aber auch nützliche Untersuchungen und überwacht die Tätigkeit der OECD was in bestimmten Fällen sehr wichtig werden kann. (Verhinderung des MAI das wichtige Rechte der Staaten an transnationale Konzerne übertragen hätte – dieses Programm ist inzwischen von der Welthandelsorganisation übernommen worden).

Es sollte noch der Weltverband der Arbeit (WVA) erwähnt werden: eine kleine, aus der christlichen (katholischen) Tradition erwachsene Tendenzorganisation, in welcher nur die belgische Gewerkschaftszentrale im eigenen Land repräsentativ ist, die aber über beträchtliche Geldmittel verfügt (Entwicklungshilfe gewisser Staaten, katholische und christlich-demokratische Institutionen) und deshalb weltweit tätig sein kann.

Der Europäische Gewerkschaftsbund (EGB) wurde 1973 gegründet und steht stark unter dem Einfluss der EU Kommission, die ihn auch zu einem grossen Teil finanziert. Seine Mitgliedsorganisationen sind alle Mitglieder des IBFG und des WVA im geographischen Europa (also nicht nur EU), sowie früher dem WGB angeschlossene oder assozierte Unabhängige (CGT Frankreich, CGTP Portugal). Er hat auch Branchenstrukturen, die europäischen Industrieföderationen, von denen einige in ihr entsprechendes IBS integriert sind und andere von ihren IBS unabhängig sind.

Die Gründung des EGB hatte die Auflösung der europäischen Regionalorganisation des IBFG zur Folge: somit hat der IBFG in Europa, als einzige Weltregion, keine eigene regionale Struktur. Das Sekretariat des EGB befindet sich in Brüssel, im gleichen Gebäude wie das des IBFG. Man könnte annehmen, dass diese physische Nähe die Kontakte fördert; in der Praxis ist das nicht immer einfach.

Auf Grund einer EU Richtlinie die für die nationale Gesetzgebung bindend ist, sind in den letzten sechs Jahren europäische Betriebsräte (EBR) entstanden. Im Prinzip sind alle Konzerne einer gewissen Grösse die in mehr als einem Land der EU tätig sind verpflichtet einen Konzernbetriebsrat einzurichten der Informations- und Konsultationsrechte hat und in dem die Belegschaft aller ihrer Betriebe vertreten ist (nicht unbedingt durch Gewerkschaften!). Es gibt inzwischen über 500 solcher EBR. Ihre tatsächliche Rolle ist sehr unterschiedlich, und hängt davon ab, wie stark die gewerkschaftliche Organisation im Konzern ist und wie sie von ihrer europäischen Branchenstruktur, bzw. ihrem IBS, bedient und unterstützt wird. In einigen EBR finden regelrechte Verhandlungen statt (durch Ausdehnung des Begriffes der Konsultation), einige andere sind vom Management dominiert und werden als Instrument der Personalpolitik des Konzernes missbraucht. In der Mehrzahl der Fälle, ist der EBR ein Forum eines unverbindlichen Meinungsaustausches zwischen Management und Personalvertretung (meistens direkt oder indirekt von den Gewerkschaften wahrgenommen, obwohl die Richtlinie Gewerkschaften als solche nicht erwähnt).

Eine Anzahl Gewerkschaften versuchen in den EBR die Personalvertretung zu übernehmen, den geographischen Bereich des EBR nach Möglichkeit auszuweiten (d.h. den EU Rahmen zu sprengen und, in einigen Fällen, auch aussereuropäische Organisationen einzubeziehen) und die Befugnisse des EBR auszuweiten so dass Verhandlungen in seinem Rahmen geführt werden können. Eine Revision der Richtlinie, für dieses Jahr angesagt, könnte eine solche Entwicklung fördern.

Das wäre eine summarische Übersicht der wichtigsten internationalen Institutionen der Gewerkschaftsbewegung. Wichtig sind noch zwei sogenannte Nebenorganisationen der Arbeiterbewegung, und zwar diese die mit Bildung und Wohlfahrt beauftragt sind.

Der Internationale Verband für Arbeiterbildung (IVA), mit Sitz in Oslo, ist die Dachorganisation der Bildungswerke der Gewerkschaften (z.B. Movendo) und der selbstständigen Arbeiterbildungsinstitutionen sozialdemokratischer Tendenz, Parteischulen, Think-tanks, usw. Er hat 102 Mitgliedsorganisationen in 62 Länder, und macht seit fünf Jahren Schulung über Globalisierungsprobleme zu seiner Priorität. Er hat ein System von durch Internet vernetzten Studienzirkeln entwickelt durch welche Lokalorganisationen in verschiedenen Ländern ein beliebiges Thema zusammen studieren und diskutieren können.

SOLIDAR ist der neue Namen der alten Internationalen Arbeiterhilfe, die Dachorganisation der Hilfswerke und der Solidaritätsorganisationen, mit Sitz in Brüssel. Sie ist bisher praktisch auf Europa beschränkt geblieben, wird aber jetzt mit Hilfe des IVA weltweit aktiv. Ihre grössten Mitgliedsorganisationen sind schon lange weltweit aktiv, auch das schweizerische Mitglied, das SAH. SOLIDAR und IVA haben sich gegenseitig aneinander angeschlossen und arbeiten immer enger zusammen.

Diese ererbte Arbeitsteilung macht heute immer weniger Sinn. Heute gilt es vielmehr die noch vorhandenen Ressourcen der Arbeiterbewegung zu bündeln und neue Kräfte aus der Zusammenarbeit aller ihrer Verästelungen zu schöpfen.

Wie hat sich die Globalisierung auf die Gewerkschaftsbewegung international ausgewirkt?

Wohlgemerkt: Globalisierung im Sinne einer wirtschaftlichen Vernetzung aller Länder durch Welthandel und internationale Kredite ist nichts neues. Was aber neu ist, ist die Entstehung einer global integrierten Weltwirtschaft in der das Kapital die technischen und politischen Möglichkeiten hat sich grenzenlos frei zu bewegen. Auf diese Entwicklung war die Gewerkschaftsbewegung gänzlich unvorbereitet.

Für die Gewerkschaftsbewegung sind die Merkmale der Globalisierung die uns direkt betreffen:

Erstens, der enorme Machtzuwachs der transnationalen Konzerne, die gleichzeitig die treibende Kraft und die wichtigsten Nutzniesser des Globalisierungsprozesses sind: das Kapital wird zunehmend international, die Gewerkschaften bleiben national und ihre internationalen Verbände bestehen aus Mitgliedsorganisationen die in ihrem Denken und Handeln weiterhin national beschränkt bleiben.

Zweitens, die Schwächung des Staates in seiner Rolle des Verwalters eines sozialen Kompromisses den das Kapital nicht mehr braucht weil es nunmehr auf internationaler Ebene operiert und sich somit der politischen Kontrolle der Gesellschaft entziehen kann, einschliesslich der Kontrolle ihrer demokratischen Institutionen: Parlamente, Parteien, Gewerkschaften. Weil diese Institutionen immer weniger die Wirtschaftspolitik des Nationalstaates beeinflussen können, entsteht Politikverdrossenheit und eine Krise der Demokratie.

Drittens, die Entstehung eines globalen Arbeitsmarktes, wo alle arbeitenden Menschen der Erpressung des Kapitals ausgesetzt sind, indem sich Nationalstaaten gegenseitig unterbieten um Investitionen zu erhalten oder anzuziehen. Die Einschränkung oder Aufhebung der Gewerkschaftsrechte gehört zunehmend zum Angebot der Staaten in der Standortkonkurrenz. Das Land mit der grössten Reserve billigster Arbeitskraft, das ein Viertel aller ausländischen Direktinvestitionen anzieht, nämlich China, ist eine Ein-Partei Diktatur die mit militärischen und polizeilichen Mitteln gegen das eigene Volk aufrecht gehalten wird. Der "globale Arbeitsmarkt" ist gar kein Markt im herkömmlichen Sinn: es handlet sich hier nicht um Angebot und Nachfrage, sondern um Eingriff des Staates in seiner brutalsten Form.

Viertens: die Struktur der Unternehmen verändert sich. Es entstehen Riesenkonzerne durch Fusionen die in der Regel von Massenentlassungen begleitet werden. Im typischen modernen Unternehmen schrumpft die festangestellte Belegschaft auf einen Kern von Technikern und hochqualifizierten Arbeitern; der grösste Teil der Produktion wird an Zulieferungsbetriebe ausgelagert; diese lagern weiter aus, bis man zum Kleinstbetrieb und zu der Heimarbeit kommt. Während somit die traditionelle Mitgliedschaft der Gewerkschaften schwindet, wächst der sogenannte "informelle Sektor", jetzt auch in entwickelten Industriestaaten: es sind Millionen von Arbeitern, mehrheitlich Frauen, die meistens keine gewerkschaftliche Erfahrung haben: Es entsteht eine neue Arbeiterklasse die mit neuen Methoden organisiert werden muss, die anders angesprochen werden muss als es die Gewerkschaften mit ihrer traditionellen Mitgliedschaft gewohnt sind. Hier gilt es nicht einen Besitzstand zu verteidigen, sondern gewerkschaftliches Neuland zu erschliessen.

Das sind, in groben Zügen, die negativen Folgen der Globlisierung. Es gibt aber auch positive Folgen.

Die wichtigste Entwicklung ist, dass sich eine organisierte "Zivilgesellschaft" formiert, in dem gesellschaftlichen Leerraum der früher hegemonisch von der Arbeiterbewegung und ihren Nebenorganisationen besetzt war. Die NGOs (Nichtregierungsorganisationen – NROs) sind Ausdruck dieser neuen Zivilgesellschaft. Viele von ihnen – nicht alle, aber wahrscheinlich der grösste Teil – haben sich teilweise die alten politischen Ziele der Arbeiterbewegung angeeignet: die Menschenrechtsorganisationen verteidigen die Forderung nach Freiheit und Gerechtigkeit, einschliesslich Gewerkschaftsrechte; die "Frauenfrage" wird zur "Männerfrage" und die Forderung nach Gleichheit wird durch den Druck der Frauenorganisationen überall in der Gesellschaft durchgesetzt, auch in den Gewerkschaften; die Umweltkrise erzeugt Diskussion über den Sinn der Produktion und das Wesen einer auf die Dauer lebensfähigen Gesellschaft.

Auch im "informellen Sektor" entstehen spontan gewerkschaftliche, oder gewerkschaftsähnliche, Organisationen. Das sollte keine Überraschung sein: es sind arbeitenden Menschen die, wie alle arbeitenden Menschen, sich organisieren wo immer sie es können, um aufrecht zu gehen statt sich zu unterwerfen. Ein Beispiel: die "Self Employed Women's Association" (SEWA) in Indien, die Frauen in unregulierten Arbeitsverhältnissen (Heimarbeiterinnen, Marktverkäuferinnen, usw.) organisiert: sie ist zugleich Gewerkschaft, Frauenbewegung und Genossenschaftsbewegung. Sie hat inzwischen über vierhunderttausend Mitglieder.

Es entstehen auch neue internationale Organisationen und Netzwerke von Heimarbeiterinnen, Marktverkäuferinnen, Hausangestellten und anderen. Ein Beispiel: "Women in Informal Employment Globalizing and Organizing" (WIEGO), ein Netzwerk von Gewerkschaften, Frauenorganisationen und engagierten Menschen die auf Universitäten oder in internationalen Organisation arbeiten, mit dem Ziel arbeitende Menschen (Frauen, aber auch Männer) im informellen Sektor gewerkschaftlich zu organisieren.

Die neuen Kommunikationstechnologien die dem Kapital ermöglicht haben sich zu globalisieren, stehen auch uns zur Verfügung. Sie sind schon für viele Millionen zugänglich. Die technischen Voraussetzungen einer schlagkräftigen internationalen Bewegung sind kein Problem mehr; es gilt nun die politischen Voraussetzungen zu schaffen.

Die internationale Gewerkschaftsbewegung tut sich schwer damit, weil sie diese Entwicklung als Herausforderung empfindet, also umdenken muss, and dabei bürokratische Arroganz abstreifen muss. Es liegt eben im Wesen jeder Bürokratie, auch der unseren, und ich spreche hier als Altbürokrat, dass sie zutiefst misstrauisch ist gegenüber allen Vorgängen an die sie nicht selbst zuerst gedacht hat und die sie nicht selbst kontrolliert. Es führt aber kein Weg daran vorbei: wenn die Gewerkschaftsbewegung ihre Durchsetzungsfähigkeit bewahren und, geschweige denn, stärken will, muss sie sich mit den neuen (oder alt-neuen) sozialen Bewegungen verbünden, um eine politische Volksbewegung zu schaffen welche in der Lage ist die alten Ziele (Freiheit und Gerechtigkeit für alle) weltweit durchzusetzen.

Das waren die ursprünglichen Ziele der Sozialdemokratie, auf die wir uns heute besinnen müssen, und weil wir einsehen müssen, dass wir sie, aus vielen Gründen, nicht mehr aus eigener Kraft erreichen können, müssen wir, als Sozialdemokraten und als Gewerkschafter, uns als Teil einer neuen radikal-demokratischen Volksbewegung verstehen die uns ermöglicht unsere eigene Zukunft zurückzuerobern. So entsteht die neue Sozialdemokratie aus der Schale der alten.

Ist das eine Utopie? Keinesfalls: die neue Bewegung für globale Gerechtigkeit entsteht unter unseren Augen: Stichwort: Seattle, und wichtiger noch, Porto Alegre. Das ist der Aufbruch, und dort liegt der Ansatzpunkt.

Ich danke Euch für Eure Aufmerksamkeit und ich freue mich auf die Diskussion.